Der Aufsatz entwickelt den Begriff der metaphysischen Statistik, um eine gegenwärtige Form impliziter Essentialisierung zu analysieren, die nicht mehr über klassische Wesensbegriffe, sondern über statistische Beschreibungen operiert. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Essentialismus im philosophischen Diskurs weithin delegitimiert ist, statistische Verfahren jedoch zunehmend ontologische Autorität gewinnen. Statistik erscheint dabei nicht nur als epistemisches Instrument zur Beschreibung von Verteilungen, sondern als stillschweigende Theorie dessen, was als real, normal oder erklärungsbedürftig gilt
Nach einer begrifflichen Klärung von Essentialismus und Essentialisierung rekonstruiert der Beitrag den epistemischen Minimalanspruch statistischer Verfahren: Modellabhängigkeit, Kontextualität und Unsicherheit. Darauf aufbauend wird gezeigt, wie es zu einem ontologischen Umschlag kommt, bei dem statistische Größen reifiziert, Gruppen ontologisiert und Wahrscheinlichkeiten als Dispositionen interpretiert werden. Zahlen fungieren so als Träger epistemischer Autorität, die Diskurse schließt, statt Unsicherheit sichtbar zu halten.
Anhand exemplarischer Felder – Medizin, Sozialpolitik, Bildungs- und Leistungsdiagnostik, algorithmische Prognosen sowie Wirtschaftswissenschaften – werden die normativen Effekte statistischer Ontologisierung aufgezeigt und die inkonsistente gesellschaftliche Akzeptanz statistischer Autorität diskutiert. Ergänzend wird die performative Dimension statistischer Praxis analysiert: In Anlehnung an Hacking und Theorien der Performativität wird gezeigt, wie statistische Klassifikationen soziale Wirklichkeit rückwirkend mit hervorbringen. Entsprechend werden p-hacking und die Replikationskrise als Symptome eines ontologischen Erwartungshorizonts gelesen, in dem Signifikanz als Marker des Realen fungiert. Hier wird sichtbar, wie sich der implizite (metaphysische) Anspruch auf Wesensbestimmung in verteilungsbasierter Form in der Forschungspraxis reproduziert.
Abschließend werden Bedingungen epistemisch reflektierter Statistik formuliert. Der Aufsatz plädiert für epistemische Bescheidenheit: Statistik soll Unsicherheit strukturieren, nicht ontologisch schließen. Metaphysische Statistik erscheint damit nicht als methodischer Fehler, sondern als interpretative Überdehnung quantitativer Erkenntnis.