Foucaults episteme und die scholastische Gradualität

Kanon, Kommentar und Immunisierung

Ein Beitrag von Erwin G. Ott vom 6. Juli 2026

Der Aufsatz nimmt Foucaults grundlegende Frage nach den Bedingungen der Sagbarkeit von Aussagen auf, bestreitet jedoch dessen Antwort, dass die Grenze des Sagbaren durchein anonymes, instanzloses historisches Apriori (episteme) gezogen wird. Stattdessen wird die Gegenthese entwickelt, dass Wissenskorpora durch eine benennbare, kontinuierlich wirksame Struktur stabilisiert werden: Kanon (autoritative Setzung), Kommentar (auslegende Fortschreibung) und Immunisierung (Abwehr von Abweichungen). Diese scholastische Struktur operiert graduell und ermöglicht es, Phänomene zu erklären, die Foucaults Modell systematisch ausschließt – insbesondere, warum ein und dieselbe epistemische Konfiguration eine Aussage über Jahrzehnte dulden und eine andere binnen Monaten ausschließen kann. Fünf historische Fälle (Wegener, McClintock, nicht-euklidische Geometrie, Helicobacter pylori, kalte Fusion) belegen, dass die Geschwindigkeit und Schärfe der Reaktion auf neue Aussagen mit der Zentralität der berührten Kanonannahme korreliert. Das Modell wird von Kuhns Paradigmenbegriff abgegrenzt und als komplementäre analytische Schicht zu soziologischen Ansätzen (Fleck, Bourdieu) positioniert. Die Konsequenzen für die Wissenschaftsgeschichtsschreibung und den Fortschrittsbegriff werden diskutiert.