Der Aufsatz entwickelt aus Erwin Otts Grenzontologie ein strukturelles Theorem zur Erklärung des seit der Jahrhundertwende kaum zu leugnenden Stillstands künstlerischer Innovation über alle Sparten hinweg. Gegen die naheliegende, aber letztlich triviale Übertragung der Doppelstruktur von Ermöglichung und Entzug auf das Kunstwerk – ein ästhetischer Gemeinplatz seit Kant – wird die These entwickelt, dass der Befund einer spezifischeren Erklärung bedarf: Performative Apophatik, wie sie Ott an Nāgārjuna und Whitehead rekonstruiert, ist als immanente Kritik strukturell auf eine Bedingung angewiesen, die in der Theorie unausgesprochen bleibt – auf einen Gegenüber, der die zu destruierende Bestimmtheit noch naiv und ernsthaft besetzt. Die kulturelle Diffusion der Grenzreflexion, die das zwanzigste Jahrhundert vollzogen hat, hat diesen Gegner innerhalb des Kunstfeldes selbst zum Verschwinden gebracht: Der Verweis auf die Grenzstruktur wird, sobald er allgemein verfügbares Wissen ist, selbst zu einer positiv bestimmbaren Gattung und damit zur Bestimmungsleistung statt zum Vollzug. Anhand zweier strukturell entgegengesetzter, aber gleichermaßen aus diesem Mechanismus folgender Verfallsformen – Affirmation durch Absorption in der bildenden Kunst und Isolation durch Entzugsstarre in der Neuen Musik – wird gezeigt, dass Otts Komplementaritätsthese von Apophatik und Prozess als Diagnoseinstrument für beide Pathologien dient. Weder die Steigerung apophatischer Verfahren noch die Bezugnahme auf ein vermeintlich naives Außen erweisen sich als Ausweg, da beide Strategien das Immanenzkriterium verletzen oder den Zirkel lediglich auf eine andere Ebene verlagern. Im Rückgriff auf Otts eigene Bedingtheitsklausel der transzendentalen Notwendigkeit wird die These präzisiert: Die Grenzstruktur bleibt ontologisch invariant, doch ihre kulturelle Wirksamkeit ist an eine historisch erschöpfbare Voraussetzung gebunden, deren Verbrauch kein kontingenter, sondern ein aus der Struktur der performativen Apophatik selbst notwendig folgender Vorgang ist. Der Aufsatz schließt mit einer Reflexion auf den eigenen argumentativen Status, der die diagnostizierte Erschöpfung beschreibt, ohne sie – anders als die Kunst – vollziehen zu müssen.