Der vorliegende Essay entwickelt eine systematische Verbindung zwischen Erwin Otts Grenzontologie – wie sie in Apophatik und Prozess als Grenzbegriffe der Ontologie ausgearbeitet ist – und zentralen Problemfeldern der zeitgenössischen Wissenschaftsphilosophie. Diese Verbindung ist in Otts Monographie als Leerstelle markiert: Die Frage nach den Implikationen der Grenzontologie für die Philosophie wissenschaftlicher Erkenntnis wird in den abschließenden Überlegungen des Werkes als Forschungsdesiderat notiert, ohne systematisch eingeholt zu werden. Der Essay versucht, diese Schuld einzulösen.
Das Argument verläuft in zwei Richtungen. In der ersten Richtung wird gezeigt, dass die Grenzstruktur – die Doppelheit von Ermöglichungsdimension und Entzugsdimension, die Ott als transzendentale Bedingung aller Bestimmtheit entwickelt – in den Aporien der Wissenschaftsphilosophie strukturell wiederkehrt. Die Realismusdebatte, die Reduktions- und Emergenzfrage sowie die Theorie der Idealisierung und Modellbildung werden als wissenschaftsphilosophische Erscheinungsformen derselben Grenzstruktur rekonstruiert, die Ott auf fundamentalontologischer Ebene analysiert. Naiver Realismus und Antirealismus erweisen sich dabei als symmetrische Fehldeutungen, die entweder die Entzugsdimension oder die Ermöglichungsdimension der Grenzstruktur leugnen; der strukturelle Realismus wird als derjenige Ansatz identifiziert, der der Grenzstruktur am nächsten kommt, ohne sie vollständig einzuholen. In der zweiten Richtung wird gezeigt, dass die Wissenschaftsphilosophie ihrerseits Anfragen an die Grenzontologie richtet, die deren Weiterentwicklung provozieren: die Forderung nach domänenspezifischer Differenzierung der Ermöglichungsstruktur, nach einer Theorie der Historizität wissenschaftlicher Erkenntnis und nach methodologischen Konsequenzen aus der Grenzstruktur.
Im Durchgang durch die Problemfelder werden folgende Thesen entwickelt. Die Aporien des wissenschaftlichen Realismus entstehen nicht aus mangelnder Präzision der Argumente, sondern aus dem strukturellen Scheitern des Versuchs, die Wirklichkeit vollständig positiv zu fixieren; die Grenzstruktur ist die ontologische Grundlage dessen, was die Wissenschaftsphilosophie als Unterbestimmung durch Evidenz und als pessimistische Metainduktion beschreibt. Die Reduktions- und Emergenzproblematik ist in dem Begriff der ontologischen Nicht-Identität auflösbar, der es erlaubt, höherstufige Eigenschaften als durch relationale Ermöglichungsstrukturen konstituiert zu verstehen, ohne in eliminativen Reduktionismus oder in eine kausale Ausschlussaporie zu verfallen. Idealisierung in der wissenschaftlichen Modellbildung ist keine epistemische Schwäche, sondern strukturelle Notwendigkeit: Modelle sind Grenzobjekte, die auf Ermöglichungsstrukturen verweisen, ohne sie vollständig positiv zu fixieren, und wissenschaftlicher Fortschritt ist als offene Vertiefung dieser Verweisung, nicht als Approximation an eine abschließende Beschreibung zu verstehen. Die relationale und prozessuale Verfassung wissenschaftlicher Praxis, wie sie die Science and Technology Studies beschreiben, erhält durch die Grenzontologie eine ontologische Fundierung, die den Beliebigkeitsverdacht gegen konstruktivistische Wissenschaftsbeschreibungen entkräftet, ohne in einen naiven Realismus zurückzufallen.
Der Essay versteht sich als Prolegomenon zu einer grenzontologisch fundierten Wissenschaftsphilosophie. Er beansprucht nicht, eine vollständige Theorie vorzulegen, sondern die strukturelle Verbindung beider Bereiche systematisch zu entwickeln und die Forschungsperspektiven zu benennen, die aus ihr folgen. Die Unabgeschlossenheit ist dabei keine pragmatische Einschränkung, sondern eine Konsequenz aus dem Gegenstand: Wer die Grenzstruktur als Bedingung aller Bestimmtheit ernst nimmt, muss sein eigenes Projekt als Grenzbegriff verstehen – als einen Verweis auf eine Ermöglichungsstruktur, die über seine bisherigen Formulierungen hinausweist.